ida
Ida und ihre Söhne beim Tee.
salim
Salim hütet die Ziegen.
krauetersammeln
Kräuter sammeln in der Wüste.
fisch
Menschen in der Wüste.
fisch
Vorbereitungen zum Essen.
satellit
Satellitenempfang.
aufbruch
Aufbruch in die Wüste.

Die Kultur der Beduinen.

Bei der Gründung des Vereins wurden verschiedene Namensvorschläge diskutiert. Viele davon waren Begriffe, die Kernpunkte beduinischer Kultur bezeichnen. Wir haben sie alle im Folgenden in einem kleinen, thematisch angelegten Glossar versammelt.

 

´Arab Sina

Die Beduinen des Sinai (arabisch Sina´) nennen sich selber `arab, also „Araber“. „Beduinen“ ist eher eine Bezeichnung für ihre Lebensweise, bzw. ihren Lebensraum, die badya (s.u.). Sie leben in über 20 Stämmen, die zu unterschiedlichen Zeiten auf die Halbinsel eingewandert sind und von denen jeder seine eigene Geschichte hat. Sie teilen denselben kulturellen Hintergrund, so etwa die `adat, das Gewohnheitsrecht, das ungeschriebene „Gesetz der Wüste“, wie es wohl seit Jahrtausenden existiert.
Zwar sind die ´arab sina seit mehreren Jahrzehnten ägyptische Staatsbürger, doch ist ihnen ihre Stammeszugehörigkeit wichtiger und näher als ein ägyptisches Nationalgefühl.
Sie sind die Ureinwohner der Halbinsel, auf der sie früher als Nomaden in Zelten lebten, sind aber zahlenmäßig heute in der Minderheit.
Wer als Tourist ans Rote Meer und nach Sharm el-Sheikh oder Dahab reist, wird den Beduinen vor allem dann begegnen, wenn er / sie Ausflüge ins Landesinnere macht. Dort führen sie Touren und bekochen ihre Gäste, arbeiten als Kamelführer und Fahrer oder betreiben kleine Cafeterias. An der Küste arbeiten viele Beduinen als Fahrer oder als Tauchlehrer. Kleine Mädchen verdienen Geld (für ihre Mütter), indem sie den Touristen Schmuck zum Verkauf anbieten.

 

Badya

badya heißt auf Arabisch das Land jenseits der fruchtbaren Zonen, die Steppe, in der nur wenig Ackerbau möglich ist und die vor allem als Weideland für die nomadisch lebenden Stämme mit ihren Viehherden dient.
Der Nomadismus ist allerdings in unserer Zeit weitgehend zum Erliegen gekommen. Grund dafür ist neben etlichen anderen Faktoren vor allem der ausbleibende Regen. Die Böden im Sinai beherbergen eine große Anzahl robuster Wüstenpflanzen, die sich darauf spezialisiert haben, mit wenig und seltenem Regen zu überleben. Der Sandboden ist in seinen tieferen Schichten ein hervorragender Wasserspeicher. Wenn man das Land ein wenig terrassiert, kann man Felder anlegen und (extensiven) Ackerbau betreiben.

 

Barr

barr ist das weite Land, die Wüste. „al-barr yib`id `anna sharr“ heißt ein alter Spruch bei den Wüstenarabern: Die Wüste hält vom Schlechten fern.
Der Gegensatz des barr ist die Stadt, von den Beduinen auch suq (Markt) genannt. Einkaufsmöglichkeiten gab es im Südsinai bis in die 60er Jahre überhaupt keine. Die Familien lebten im barr auf den Weidegebieten und versorgten sich weitgehend selbst. Die Männer ritten im Abstand von einigen Monaten in ferne Städte, um sie mit dem einzudecken, was man nicht selber produzieren konnte.
Viele Beduinen leben heute in den Städten. Die Städter sprechen teils nostalgisch, teils Nase rümpfend über die Welt des barr. Die Bewohner dort im Hinterland gelten als traditionell, was einerseits den Beigeschmack von Rückständigkeit hat, andererseits verkörpern sie die „gute alte Zeit“ und die alten Tugenden.

 

Bet Sha’ar

Um der badya etwas abzugewinnen, mussten die Menschen dorthin ziehen, wo es geregnet hatte. Das erforderte eine mobile Lebensweise und Behausung. Hierzu dienten die aus Ziegenhaar und Schafswolle von den Frauen hergestellten Zelte, auf Arabisch bet sha’ar, „Haar-Haus“. Die Zelte boten optimalen Schutz vor der Hitze des Sommers, der Kälte des Winters, Wind und Regen.
Heute sieht man die klassischen Ziegenhaar-Zelte nur noch selten. Eher findet man Zeltplanen  aus alten Materialien wie Plastikmehlsäcken und gebrauchter Kleidung. In den Tälern der Wüste leben die meisten Menschen gegenwärtig in festen Häusern und bauen mit Beton. Mit einem solchen Haus kann man allerdings nicht mehr umherziehen – es ist eine Im-Mobilie.

 

Qatr

Außer dem Regenwasser, das man u.a. in Zisternen sammelt, gibt es in der Wüste neben dem Grundwasser auch Sickerquellen: Tropfen um Tropfen (qatr) füllt sich ein Becken, das Mensch und Tier als Tränke dient.
Während ihres traditionellen Lebens in der Wüste versorgten die Beduinen sich und ihre Tiere fast ausschließlich mit Regenwasser oder aus solchen Sickerquellen, das bis heute als das beste und gesündeste Wasser gilt. Heute regnet es kaum noch, so dass man darauf angewiesen ist, Wasser aus der Erde zu holen. Man muss dazu tief graben – 60-80 Meter sind keine Seltenheit. Die meisten Beduinen müssen heute sowohl ihr Trink- als auch ihr Brauchwasser kaufen.

 

Sraha

Es sind meist die jungen Mädchen, aber auch Buben, welche die Ziegen, Schafe und Kamele tagsüber auf die Weide und zu den saftigsten Kräutern treiben. Das Auf-die-Weide-Gehen, Arabisch sraha bildet quasi den Kern beduinischer Wirtschaft und ist eine beliebte, entspannende Tätigkeit. Manchmal bleibt man für mehrere Tage oder Wochen auf der Weide.
Lebt man in der Stadt, verliert die sraha allerdings an Bedeutung, wobei auch dort Ziegen auf die Weide geführt werden, nämlich auf die Müllhalden. In unserer Zeit führen die Männer ganz andere Wesen auf die Weide: sie begleiten Touristen durch die schönsten Landschaften – auf die Augenweide.

 

Burrad

Wo immer Beduinen beisammen sitzen, trinken sie Tee. Das Teefeuer mit der Teekanne (burrad ash-shey) ist der Ort, an dem Worte ausgetauscht werden: Hier erzählt man sich Neuigkeiten oder Anekdoten, hier erhält man wichtige Informationen und kann Abmachungen treffen, hier ist der sichtbare Ort der Gemeinschaft, ein Ort der Kurzweil und des Wohlgefühls, an dem jeder gerne ist.

 

Mag’ad

In jedem Dorf oder Zeltlager gibt es einen mag`ad, einen Versammlungsplatz. Dort werden von den Männern Stammesangelegenheiten diskutiert und Streitigkeiten verhandelt. Es ist auch ein Ort, an dem (männliche) Gäste empfangen werden und wo sie übernachten können.

 

Karam

Die legendäre Gastfreundschaft (karam) der Beduinen ist ein zentrales Merkmal dieser Kultur. Jeder kann jederzeit in jedem Haus drei Tage lang Gast sein und wird dort bestens behandelt und großzügig verwöhnt. Karam beruht auf Gegenseitigkeit und ist ein Geben und Nehmen: Bin ich heute Gastgeber, so bin ich vielleicht morgen selbst bei einem anderen Gast. Für einen nicht-alltäglichen Gast wird ein Tier geschlachtet, meistens eine Ziege oder ein Schaf.

 

Raha

raha heißt Ruhe oder Gelassenheit. Ein ruhiges Gemüt zu haben gilt bei den Beduinen als hohes Ideal: Keinen Stress zulassen oder verbreiten, immer besonnen sein, die Ruhe bewahren, begreifen, dass man manche Dinge nicht ändern kann und sich Vertrauensvoll dem Fluss des Lebens hingeben.
Wenn man mit Beduinen durch die Wüste reist, kann man viel von dieser raha erleben und vielleicht auch davon mit nach Hause nehmen. Die beduinische Gelassenheit rührt auch von der tiefen Frömmigkeit dieser Menschen her - sie sind Muslime: Gott ist derjenige, der alle Dinge lenkt. Der Mensch kann seinen Plan nicht kennen und soll ihn nicht hinterfragen. Der Mensch soll annehmen, was immer von Gott kommt – und das Beste daraus machen.

 

 

 

Vom Leben früher und heute
Bis etwa 1970 lebten die Beduinen im Sinai weitgehend ungestört ein „selbstverwaltetes“ Leben fern von staatlicher Obrigkeit. Der ganze Sinai war in Stammesgebiete aufgeteilt (und ist es bis heute), in denen die Menschen gruppenweise immer wieder an unterschiedlichen Orten ihre Zeltlager errichteten oder in Oasen dauerhaft siedelten. Sie züchteten Kamele, Ziegen und Schafe und legten Gärten und Felder an. An der Küste pflegten sie große Palmenhaine, fingen Fische und sammelten Meeresfrüchte, welche haltbar gemacht wurden, so dass sie als Vorräte für die heißen Sommermonate dienten, die man in den höher gelegenen Tälern und Ebenen verbrachte.


Aufgrund ihrer nomadischen Lebensweise hatten Beduinen traditionell wenige materielle Güter, die Frauen stellten jedoch aus Tierhaaren Zelte, kunstvoll gewebte Teppiche, Satteltaschen und Ziergurte her, außerdem verstanden sie sich auf Stickereien. Aus Glasperlen, Steinen und Muscheln fertigten sie prachtvollen Schmuck. Die Kultur der Beduinen basiert auf Mündlichkeit, Schrift hat keine Bedeutung – mit Ausnahme des Korans, denn sie sind Muslime. Dementsprechend reichhaltig ist ihre Wortkunst, ihre Poesie, ihre Lieder.


Mit der Zeit der israelischen Besatzung 1967 begann für die Beduinen die Moderne. Infrastruktur wurde geschaffen, die Küsten für den modernen Tourismus erschlossen. Es gab einerseits eine strenge Verwaltung, andererseits aber auch Jobs, Bildung und gute medizinische Versorgung. Ab jener Zeit begann sich die Lebensweise der Beduinen drastisch zu verändern.


1982 fiel der Sinai nach langen Verhandlungen wieder ganz an Ägypten zurück. Seither müssen sich die einheimischen Beduinen und die vom Festland her eingewanderten Ägypter miteinander arrangieren, was häufig zu Konflikten führt. Heute sind die Beduinen eine Minderheit. In den staatlichen Planungen für Tourismusentwicklung haben sie wenig Platz. Sie dienen als geheimnisvolle Exoten. Dennoch leben die meisten von ihnen heute vom Tourismus, nicht zuletzt als Führer durch die Wüste – einer Tätigkeit, der die Männer im Grunde schon seit Jahrtausenden nachgehen.


Spricht man mit den alten Leuten, welche das traditionelle nomadische Leben aus eigener Erfahrung in all seinen Aspekten kennen, trifft man auf große Nostalgie und tiefe Wehmut. Grundtenor ihrer Aussagen ist, dass das Leben früher besser war, auch wenn heut Vieles leichter geworden ist.


Warum?
 „Die Menschen mochten einander und einer half dem anderen. Es gab nur wenige Menschen und die siedelten weit zerstreut. So freute man sich, wenn man einander sah. Es regnete genug, so dass es für alle reichte. Im Frühling gab es üppige Weide und alle Tiere wurden satt. Man trank Regenwasser. Die Menschen waren stark und ausdauernd. Zwischen ihnen war Aufrichtigkeit, gegenseitige Hilfe und Gastfreundschaft. Wenn es Probleme gab, wurden sie so schnell wie möglich gelöst. Kam man innerhalb der Familie nicht weiter, ging man zum Qadi, zum Stammesrichter. Er kannte das ungeschriebene Gesetz der Wüste und er kannte auch die Menschen und bemühte sich, gerechte Urteile zu fällen. Es war wichtig, dass es keine dauerhaften Konflikte in den Familien oder im Stamm gab.“


Andererseits war das Leben auch sehr hart, heißt es. Das Spinnen und Weben der Zeltplanen, das Herbeischleppen von Wasser, weite Märsche und Ritte oft ohne Schuhe an den Füßen, Feld- und Gartenbau mit einfachsten Geräten waren anstrengende Dinge. Die traditionelle Medizin, die vor allem aus Kräuterheilkunde, Kauterisieren und Massagen bestand wird zwar von den alten Leuten sehr gelobt, aber moderne Ärzte vermögen doch mehr, sagen sie.


Dennoch beurteilen die alten Männer und Frauen die vergangenen Zeiten als die besseren. Heute, sagen sie, muss man alles mit Geld bezahlen. Land und Wasser galten als Dinge, die Gott gehören und die der Mensch nutzen darf. Heute muss man sie für Geld kaufen. Heute braucht man für alles Papiere. Früher schmeckte das Wasser süß und frisch, sagen die Leute, heute ist es schal und voller Chemikalien, genauso wie das Essen. Die Ziegen, Schafe und Kamele finden nicht mehr genügend Futter in den Tälern und wenn sie sich in der Stadt selbständig auf die Suche nach Futter machen, fressen sie viel Unrat und Vergiftetes.


„Wir würden noch in der Wüste leben, wenn es nur genügend regnen würde, so wie früher. Aber seit den 80 er Jahren wurde der Regen immer weniger,“ sagen die Alten. Woher das kommt, dass kein Regen mehr fällt? Die meisten Leute antworten: „Das kommt vom Neid, der zwischen den Menschen entstanden ist.“
Die jungen Beduinen wachsen in eine neue Zeit hinein und wer in den Städten lebt hat zwangsläufig mit den alten Traditionen nicht mehr viel zu tun. Statt im selber gewebten Zelt wohnt man im Haus aus Beton, statt der Kamele hat man einen Jeep. Anstatt das Vieh auf die Weide zu führen gehen die jungen Mädchen in die Schule und verkaufen am Strand Schmuck an Touristen. Man lebt Tür an Tür mit (nicht-beduinischen) Ägyptern und Ausländern. In den Häusern gibt es fließend Wasser, Fernseher, Satellitenschüssel und Computer. Man kauft in Läden ein. Die Stadt bietet moderne Infrastruktur.


Junge Leute, vor allem die Mädchen haben einen großen Wunsch danach, gebildet zu sein. Es sind aber wenn, dann vorwiegend Männer, die eine weiterführende Schule besuchen und Fächer wie  Wirtschaft oder Jura studieren. Für Frauen ist ein Lebensweg als Ehefrau, Hausfrau und Mutter vorgezeichnet, auch wenn sie einen Schulabschluss haben und gerne außerhalb des Hauses arbeiten würden, etwa als Kindergärtnerin, Lehrerin oder Krankenschwester. Häufig lässt sich beides nicht miteinander verbinden. So träumen junge Beduinenfrauen davon, dass ihre Kinder dies eines Tages verwirklichen können. Junge Leute, die Englisch beherrschen und mit dem Internet umgehen können, machen sich für ihre Belange stark und können stärker an gesellschaftlichen Prozessen teilnehmen oder einen guten Job suchen.


Wenige junge Leute wünschen sich die alten Zeiten zurück. Jedoch fällt es ihnen nicht leicht, ihren Platz innerhalb der ägyptischen Gesellschaft, bzw. in einer globalisierten Weltgemeinschaft zu finden. Die eigene Tradition gehört bald der Vergangenheit an und wird womöglich in Vergessenheit geraten.
Ein positives Beispiel für einen jungen Beduinen, der sich dieses Verlustes bewusst ist und der etwas dafür unternimmt, das alte Wissen und die alten Geschichten zu bewahren ist Mohamed Id.
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